Pogromnacht
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62 Jahre nach dem 9. November 1938

Dreharbeiten in der Westend-Synagoge Frankfurt am Main 

Die Dreharbeiten zu Oliver Wörners neuem Film “OdenwĂ€lder Geschichte(n)”, der sich unter anderem auch mit dem Judentum im  Odenwald beschĂ€ftigt, machten es möglich: Zwei nichtjĂŒdische OdinwĂ€lder erhielten eine Einladung der JĂŒdischen Gemeinde  Frankfurt zur Gedenkstunde an den 9. November 1938, die Gelegenheit, gemeinsam mit den Überlebenden des Holocaust um die Opfer zu trauern. In dieser Nacht vor 62 Jahren brannte auch die Westend-Synagoge der liberalen Juden Frankfurts. Als einzige Synagoge der Mainmetropole wurde sie jedoch nur wenig zerstört und  nach dem Krieg wieder aufgebaut. Mit 7000 Mitglieder ist diese jĂŒdische Gemeinde heute die grĂ¶ĂŸte und aktivste der gesamten Bundesrepublik, vor dem Krieg hatte sie 30.000 Mitglieder.
Ein wenig Beklemmung reiste mit nach Frankfurt. Wie verhĂ€lt man sich in einer Synagoge? Die einzig bekannte Regel: MĂ€nner mĂŒssen ein KĂ€ppchen, ein Kippa, aufsetzten. Beklemmend wirkten auch die Sicherheitskontrollen am Eingang des jĂŒdischen Gotteshauses, Bodycheck Ă€hnlich wie vor einem Auslandsflug. Jedoch der Anblick dieser monumentalen Archit ektur, die  riesige, blaue Facetten-Kuppel, die Rundbögen und Emporen mit Ornamentmalereien versetzten erst einmal in ehrfĂŒrchtiges Staunen. Und ein Blick in die Menschenmenge signalisierte schnell: Alles ganz normal hier, wie vor jedem Gottesdienst. Lockere AtmosphĂ€re, Menschen standen zusammen, unterhielten sich, kleine Jungs spielten mit ihren Gameboys, Jugendliche alberten miteinander herum – Befangenheit hingegen lösten die vielen alten Menschen aus, Menschen, die von der  Pogromnacht und ihren Folgen unmittelbar betroffen waren.
Befangenheit - ein typische GefĂŒhl fĂŒr einen nichtjĂŒdischen Menschen, an solch einem geschichtstrĂ€chtigen Tag an diesem Ort, wie auch  Petra Roth, die OberbĂŒrgermeisterin von Frankfurt in ihrer Ansprache eingestand. Sie erinnerte ebenso wie Dr. Salomon Korn, Vorsitzender der JĂŒdischen Gemeinde, an die Geschehnisse vor 62 Jahren und zog Parallelen zu heute. Wobei Dr. Korn ausdrĂŒcklich betonte, dass die gegenwĂ€rtige Situation nicht mit damals zu vergleichen sei. 1938 wurde der rechtsradikale Terror vom Staat betrieben, heute handele es sich um eine gesellschaftliche Minderheit. Applaus gab es fĂŒr die  Reden nicht, das ist in Synagogen nicht ĂŒblich. Reaktionen zeigten die Gemeindemitglieder hinterher, im GesprĂ€ch miteinander. Die einfĂŒhlsame Ansprache der OberbĂŒrgermeisterin erweckt durchweg Sympathien, wĂ€hrend Ruth Wagner, Hessische Ministerin fĂŒr Wissenschaft und Kunst, eher, auch hinsichtlich der Landespolitik, mit  Zynismus bedacht wurde: “Die weiß auch schon unseren Ausreiseweg fĂŒr das nĂ€chste Mal!”
Aber nicht die Ansprachen waren das AufrĂŒhrende an diesem Abend. Es waren die Gebete von Rabbiner Menachem Halevi  Klein, teilweise in deutsch und hebrĂ€isch, wobei das Kaddisch, in hebrĂ€isch gehalten, ein wenig an das “Vater unser” der Christen erinnerte. Tiefe Emotionen löste Kantor  Itzhak Meir Helfgot aus, als sein eindringlicher Gesang in dieser gigantischen Akustik erklang. Der hebrĂ€ische Text zu der melancholischen Melodie blieb fĂŒr nichtjĂŒdischen Ohren unverstĂ€ndlich – bis Namen wie Treblinka, Buchenwald, Auschwitz, Dachau, Bergen-Belsen und Theresienstadt  fielen: Ein gesungenes Gebet zum Gedenken an die Opfer des Naziregimes. Den Ă€lteren Menschen standen die Erinnerungen ins Gesicht geschrieben, einige TrĂ€nen wurden verstohlen weggewischt. Auch bei Nichtjuden kam das GefĂŒhl der Trauer auf, gemischt mit Scham fĂŒr die VĂ€ter- und GroßvĂ€tergeneration der TĂ€ter.
Allerdings wird dieses GefĂŒhl von der jĂŒdischen Gemeinde nicht bewusst vermittelt, Schuldzuweisungen oder Ă€hnliches klangen in keiner Weise an. Der Umgang mit Nichtjuden ist völlig unbefangen, bereitwillig geben die Gemeindemitglieder Auskunft, freuen sich ĂŒber ehrliches Interesse. Die Angst  vor dem Fremden bezeichnete Petra Roth mit als Ursache fĂŒr Fremdenfeindlichkeit, das Fremde kennen lernen, auch den Kindern nahe bringen, kann hier entgegensteuern.
“Ich bin tief beeindruckt, aufgewĂŒhlt, das war GĂ€nsehaut pur”, erklĂ€rte Oliver Wörner nach diesem EindrĂŒcken. Antisemitismus beschĂ€ftigt ihn schon lange bei seinen Filmarbeiten. Auch bei seinem Odenwald-Film stieß er auf das Thema, hervorgerufen durch Zeitzeugen. Sein Film beschĂ€ftigt sich mit der Geschichte des geographischen Odenwaldes in den vergangenen 2000  Jahren, angefangen bei den Römern bis in die heutige Zeit. Im bayrischen Odenwald beispielsweise spielt die Zeit der Germanen, gedreht bei Bruder Dagobert im Kloster Engelberg bei Miltenberg, einer ehemaligen germanischen KultstĂ€tte. Das 19. Jahrhundert wird reflektiert in der Wolfsschlucht bei Zwingenberg im badischen Odenwald, im  hessischen geht es unter anderem um den zweiten Weltkrieg. Bei seinen Arbeiten fand der Filmemacher den bis dahin unentdeckten FlĂŒgel mit Motor eines in der NĂ€he von Bad König abgestĂŒrzten, amerikanischen B 17-Bombers. Das Wissen um den Fundort behĂ€lt er fĂŒr sich, aus Respekt vor den Toten, denn vier der acht Besatzungsmitglieder wurden nie geborgen.
Die Dreharbeiten in der Frankfurter Synagoge flossen als Impressionen zum Kapitel Judentum im Odenwald in den Film ein, denn in der Region gibt es seit dem zweiten Weltkrieg keine jĂŒdische Gemeinde mehr.