Flugtag 2001
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Eine Airshow der Superlative auf dem Waldhorn

Michelstädter Flugplatz für zwei Tage im Mittelpunkt des europäischen Fliegerinteresses

Der idyllische Flugplatz am Waldhorn war am zweiten Augustwochenende kaum wieder zu erkennen. Bereits am Samstagmittag  fĂĽllten ihn knapp 20.000 Besucher der Fiber Classics Airshow. Sie kamen aus allen Teilen der Bundesrepublik, manche fuhren  mitten in der Nacht zu Hause los, um rechtzeit im Odenwald zu sein. Geboten bekamen sie eine spektakuläre Flugschau, eröffnet von Fallschirmspringern aus Main-Bullau. Im Anschluss wechselten sich  GroĂźflieger und Modelle ab. Das Highlight der Veranstaltung, die GeeBee R-2, stand zu diesem Zeitpunkt noch ohne Fahrwerk im Hangar. Ihr Pilot Delmar Benjamin war am Abend zuvor in Michelstadt  gelandet, zum ersten Mal auf einer Piste unter 1000 Meter. Er setzte einen Moment zu frĂĽh auf, kam dadurch auf das schräge StĂĽck der Landebahn, wodurch sich ein Fahrwerk verbog. In einer nächtlichen  Aktion wurde der Schaden behoben – und am späten Nachmittag präsentierte sich die “dicke Hummel” den Besuchern.
Aber auch zuvor jagte ein Highlight das nächste. Modelle zeigten atemberaubende KunststĂĽckchen, tänzelten auf dem Heck ĂĽber die Piste, flogen Kapriolen und Figuren, die mit bemannten Fliegern unmöglich sind. Von den drei Modeel-GeeBees, die an den Start gingen, kam eine nicht hoch, sondern fiel – ganz GeeBee-typisch - nach vorne um. Beeindruckend war das Modell einer B-29 mit neun Meter Spannweite, acht Meter Länge und 220 Kilogramm Gewicht – das größte Modell auf  dem Platz. Weltmeister Wolfgang KlĂĽhr lieĂź seine Mig-29 ein weiteres Mal ĂĽber das Waldhorn dĂĽsen.
Weiter oben am Himmel flog die Aerotriga aus Ungarn mit ihren Zlins eine faszinierende Formation in absoluter Perfektion. Segler tanzen zu Musik in den Wolken, die “Tante Ju” ĂĽberflog das Gelände gleich mehrfach. Klaus Schroth, der Freestyle-Weltmeister im Kunstflug und Flugkapitän bei der Lufthansa lieĂź seinen Flieger, einen Extra 330, ĂĽber das Leitwerk rĂĽckwärts abrollen und trudelte nicht nur abwärts, sondern auch aufwärts. Traurig  schaute der achtjährige Nico seinem Vater Ralf Niebergall in der Siai Marcetti F260 hinterher – der kleine Co-Pilot durfte nicht mitfliegen, das ist bei VorfĂĽhrungen verboten.
Eine faszinierende Show boten Walter und Toni Eichhorn, Vater und Sohn, mit ihren AT-6F. Klassischen Kunstflug zeigte die einzige Frau am Start, Angelika HeiĂź, mit einer Extra 200. Eine Extra 300 flog der Niederländer Frank Versteegh mit viel Rauch und Showeffekten, senkrecht rauf  und im freien Fall wieder runter, oder wie es der Moderator bezeichnete, “wie eine Wildsau”. Die Yak 11, das Kampfflugzeug aus dem Jahr 1946 heizte mit 700 PS und 600 Stundenkilometern ĂĽber den Platz. Weltweit gibt es davon noch 20 StĂĽck, eines davon in Deutschland und das im Originalzustand. Laut wurde es, als die Breitling-Fighters am Horizont auftauchten, die vier Bomber lieĂźen Erinnerungen an Pearl Harbor wach  werden. Zu allen Fliegern, ob Modell oder GroĂźflieger, gaben die Moderatoren Informationen und HintergrĂĽnde preis, ebenso lehrreich wie unterhaltsam.
Auf dem ganzen Platz herrschte eine fröhliche, entspannte Atmosphäre mit Festival-Charakter. Es gab Flieger und Helden zum Anfassen, Marktbuden mit allem Möglichen rund um die Fliegerei, jede Menge Essens- und Getränkestände - alles war perfekt. Bis zu dem Moment, als die Fokker in der Talsenke verschwand. Die Entscheidung, die Veranstaltung fortzusetzen, stieĂź bei einigen der Besucher auf Kritik, es sei pietätlos. Das mag aus Sicht des Laien so aussehen, aber Flieger und vorallem Kunstflieger sind ein (nicht unsymphatisches) Völkchen fĂĽr sich. Walter Eichhorn, einer Piloten erklärte auch fĂĽr seine Kollegen: “Wir mĂĽssen weiterfliegen, das halten wir grundsätzlich so – the Show must go on”. AbstĂĽrze sind Berufsrisiko und Kunstfliegern stĂĽrzen in der Regel alleine ab, ohne Unbeteiligte in Mitleidenschaft zu ziehen. Veranstalter Fiber Classics und Gastgeber Aeroclub akzeptierten den Wunsch der Betroffenen.
Auch die Piloten, die nach dem Unfall auf dem Programm standen, war es selbstverständlich, in die Maschine zu steigen und wie geplant zu fliegen. So auch fĂĽr Delmar Benjamin, der am Abend zuvor eine Bruchlandung erlebte. Seine Frau Linda kommentierte seinen Flug, von einer weiteren Landung sah der symphatische Amerikaner allerdings ab. Das tschechische Skybox-Team beschloss die VorfĂĽhrungen der GroĂźflieger mit einer weiteren spektakulären Show und vier Red Bull-Zlins. Im Anschluss flogen noch weitere Modelle, bei Einbruch der Nacht die “Nightfirebirds”, 15 Piloten mit ihren Modellen sorgten fĂĽr ein buntes Feuerwerk. Ganz so fröhlich wie geplant, wurde die Fliegerparty aus nachvollziehbaren GrĂĽnden allerdings nicht, der traurige Verlust eines Kollegen ging auch an den Piloten nicht ganz spurlos vorbei.  

Trauriger Unfall trübt die fröhliche Stimmung auf dem Flugplatz

 â€śEs war ein unglĂĽcklicher Zufall, mit der Organisation der Veranstaltung oder mit den besonderen TĂĽcken des Flugplatz Waldhorn hat dieser Absturz nichts tun”, so Gerd Fleischmann, Gutachter und Beauftragter der Flugunfalluntersuchungsstelle des Luftfahrtbundesamtes in Braunschweig am Samstag in der Pressekonferenz nach dem schrecklichen UnglĂĽck. Dabei kam am späten Nachmittag ein 55-jähriger Pilot aus Quarante in der Bretagne ums Leben. Der Franzose flog eine Fokker Dri, ein Nachbau des  legendären Dreideckers aus dem ersten Weltkrieg. Bei der FlugvorĂĽhrung, gemeinsam mit seinem Partner in einer Nieuport LMB, verschwand die Fokker in der Talsenke am östlichen Ende des  Flugplatzes. Das tat sie bereits zuvor schon einmal, nur diesmal tauchte sie nicht mehr auf. Der Tower gab sofort Alarm an die  Sicherheitskräfte, die Moderatoren auf der BĂĽhne hofften noch auf eine Notlandung. Die Show wurde unterbrochen und einige Zeit daurauf kam aus dem Tal die Information, dass der Pilot abgestĂĽrzt und tot sei.
Augenzeugen hatten beobachtet, dass die Fokker am Heck ein Teil verloren hatte und darauf wie ein Stein zu Boden fiel. Auch auf einigen Amateur-Videos war der Absturz festgehalten. Bei der anschließenden Untersuchung des Sachverständigen gemeinsam mit der Polizei ergab sich das vorläufige Ergebnis, dass das Seitenruder während des Flugs abgebrochen ist und die Maschine nicht mehr steuerbar war. Die Fokker stürzte im 70 Grad Winkel in 30 Grad Schräglage auf eine Wiese, überschlug sich einige Male und blieb am Waldrand liegen. Der Pilot war vermutlich sofort tot. Das abgebrochene Leitwerk wies laut Gerd Fleischmann wahrscheinlich Vorschäden, einen älteren Bruch, auf, das endgültige Ergebnis bringt die Laboruntersuchung in Braunschweig. Für die Untersuchungen bei Flugzeugabstürzen sind grundsätzlich die Behörden des Absturzlandes zuständig.
Die vorläufigen Untersuchungsergebnisse zum Unfallhergang bestätigten auch die zuständigen Polizeibeamten Kriminaloberrat  Rudolf BalĂź aus Darmstadt und die Erbacher Kollegen Reinhard Ihrig und Volkmar Raabe. Wichtig dabei war auch, dass die Fokker innerhalb der Box, des fĂĽr die VorfĂĽhrung bemessenen Luftraums, abstĂĽrzte. FĂĽr das Publikum oder die Anwohner der angrenzenden Stadtteile bestand keine Gefahr. Die Aufprallstelle, rund 400 Meter vom Ende der Startbahn entfernt, war vom Publikum der Airshow nicht einsehbar.
Zugelassen war die Maschine in Frankreich mit der Kennung FAZGJ. Bei dem Replikat aus dem Jahr 1976 handelt es sich zum  einen Nachbau jener Maschine, die Manfred von Richthofen, der erfolgreichste Kampfflieger des ersten Weltkriegs, flog. Dieser ging als roter Baron in die Geschichte ein und fiel 1918 im Luftkampf ĂĽber Frankreich. Die Fokker des Franzosen trug die gleiche, rote Lackierung und auch sein Flugstil – verschwinden und aus dem Nichts wieder auftauchen – erinnerte an den roten Baron.
Nach bekannt werden des tödlichen Ausgangs war ein Abbruch der Veranstaltung im Gespräch. Gefordert wurde dieser jedoch weder  von der Flugsicherheitsbehörde, deren Vertreterin während der gesamten Flugschau anwesend war, noch von der Polizei. Die  versammelten Piloten sprachen sich einstimmig fĂĽr das Weitermachen aus, auch der Verstorbene hätte das gewollt, erklärte sein Partner. Um ihn kĂĽmmerte sich der Unfallseelsorger.
Bei Abtransport des Wracks gab es noch einen kleinen Unfall. Durch ausgelaufene Batteriesäure entstand auf dem Lkw ein Brand, der mit CO2 sofort gelöscht wurde.  

Eine perfekt organisierte Veranstaltung - da staunte der ganze Odenwald

Es ist im Odenwald doch möglich, eine GroĂźveranstaltung zu organisieren. Das bewies am Wochenende die Airshow auf dem Flugplatz Waldhorn. Zwar sind die Veranstalter, die Firma Fiber Classics, keine Odenwälder, aber ohne die UnterstĂĽtzung der Einheimischen hätte es nicht so perfekt geklappt. So organisierten und regelten die Bediensteten der Stadtverwaltung das gesamte Parksystem. Zwar staute sich der Verkehr in Michelstadt etwas, als alle Parkplätze in der Stadt besetzt waren. Da der Hessische Rundfunk auf dem Flugplatz vertreten war, dauerte es nur kurze Zeit und die Besucher wurden mittels Verkehrsdurchsage auf die Parkplätze nach Erbach geleitet. Der  Bustrasfer klappte vorzĂĽglich, im FĂĽnf-Minuten-Takt fuhren die Besucher zum Waldhorn. Dabei lasen die freundlichen Busfahrer auch unterwegs noch Fahrgäste auf. Auf dem Waldhorn sorgte ein Security-Dienst fĂĽr reibunsglosen Ablauf, die Polizei war ebenso vertreten wie der Rettungsdienst in groĂźer Besetzung und Technisches Hilfswerk. So genĂĽgte nach dem Unfall ein Anruf und die gesamte Rettungsmaschinerie setzte sich in Gang.
Bei den Getränke- und Essenstände gab es kaum Engpässe und Wartezeiten, sie waren vielfältig ĂĽber den ganzen Platz verteilt. Die MĂĽllentsorgung setzte schon  während der Veranstaltung ein, Pfadfinder lasen auf, was herumlag. Chemietoiletten waren ausreichend vorhanden und wurden regelmäßig geleert.
Ein wichtiger Faktor war die Kooperation mit der Stadt Michelstadt. BĂĽrgermeister Reinhold Ruhr kam nicht nur Eröffnung auf den Flugplatz, sondern war auch unmittelbar nach dem Unfall wieder oben – zur Absprache der weiteren Vorgehensweise. Die Stadt selbst hatte sich fĂĽr den Abend nach dem Programmende gerĂĽstet. Und das war gut so, denn schon am frĂĽhen Abend gab es in den Kneipen der Stadt kaum mehr einen freien Platz und auf den StraĂźen und Gassen herrschte ein Betrieb fast wie am Weihnachtsmarkt. “Diese verkaufsoffene Nacht sollte es jedes Jahr geben, auch wenn kein Flugtag ist”, so eine begeisterte Besucherin. Dichter Andrang herrschte bei Konditoren-Weltmeister Bernd Siefert, der zwischen zwei auswärtigen  Terminen an diesem Abend vor Publikum die GeeBee aus Zucker nachbaute. Unter dem Rathaus spielten die “Rathaus-Ramblers”,  im Kellereihof feierte die SPD, an allen Ecken gab es Getränkestände – die ganze Stadt war ein Party, auf der sich Einheimische und Besucher gleichermaĂźen wohl fĂĽhlten. Abgesehen von dem traurigen Unfall bot die Airshow in Michelstadt eine fröhliche, rundum perfekt organisierte Veranstaltung, die hoffentlich Mut fĂĽr weitere GroĂźveranstaltungen macht, ob in diesem oder ähnlichen Rahmen.