Werner Kocwara
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Kann Sperma erben? 

Der schwäbische Kabarettist Werner Koczwara führt Patatpublikum durch einen unterhaltsamen Paragrafendschungel

Als Gott die Welt erschuf, sorgte er erst für Licht, damit die Baustelle gut beleuchtet ist. Der rote Punkt des Mars’ galt als Baugenehmigung und der Rest ging zügig über die Bühne. Am siebten Tag war keineswegs Ruhe, sondern die ersten Mängellisten gingen ein. Das Ergebnis, um dieser Klagen Herr zu werden: Am achten schuf Gott den Rechtsanwalt.
So lautet auch der Titel des Kabarett-Programms von Werner Koczwara, der am Freitag im Patatkeller nicht nur zurück, sondern auch in die Zukunft blickte: In zwei Millionen Jahren gibt es auf der Rede nur noch zwei Lebensformen - Termiten und Rechtsanwälte, beides enorm nimmersatte Wesen und nach Befall ist das halbe Haus weg. Es ging also um Rechtsanwälte in diesem Programm, wobei der Kabarettist deren Existenzberechtigung keinesfalls in Frage stellte. Schließlich entstanden Paragrafen durch einen Kreuzung des Alphabets mit dem Bauplan eines Labyrinths. Gesetzbücher sind daher besser verschlüsselt als Premiere – und der Rechtsanwalt ist der gebührenpflichtige Decoder.
Koczwara stellte derartige Behauptungen nicht einfach in den Raum, sondern belegte sie mit Zahlen: Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung besteht aus 300 Worten, die zehn Gebote aus 279, die EU-Verordnung über die Einfuhr von Karamellbonbons hingegen aus 25.911 Wörter. Zudem legte er zwei gewichtige Beweise für die Unverzichtbarkeit der Juristen vor: Den Schönfelder und den Sartorius, zwei Gesetzessammlungen von jeweils fünf Pfund Gewicht. Wer es am Rücken hat, sollte also besser Pfarrer werden. Die Bibel wiegt nur 1200 Grammund wurde zudem ins Deutsche übersetzt.
Es ging eigentlich weniger um die Rechtsanwälte an sich, höchstens um deren kreative Bereicherung der deutschen Sprache mit Wortschöpfungen wie Ohnbeiner – wobei es sich um einen beidseitig beinamputierten Menschen handelt. Es ging vielmehr um den Gesetzes- und Verordnungswahn speziell der Deutschen, um Leichenbeförderungsgesetze in Nordrheinwestfalen, Verordnungen über den Umgang mit ausschließlich im Gesetzbuch vorkommenden Heringsmöwen in Baden-Württemberg, um verrückt gewordene Grenzzeichen, die tatsächlich im Paragrafen 919 des Bürgerlichen Gesetzbuchen zu finden sind und andere „rasend witzige Gesetzestexte“.
Auch realistische Fallbeispiele, die Juristen beschäftigen, kamen zur Sprache, zum Beispiel die Frage: „Kann Sperma erben?“ Die Antwort lautet „Nein“, denn außerhalb des Mannes ist Sperma eine herrenlose Sache, muss also, wenn es auf der Straße gefunden wird, nicht im Fundbüro abgegeben werden.
In zahlreichen Momenten reichte es, wenn Koczwara einfach nur Gesetzestexte zitierte – und das Publikum bog sich vor Lachen. Aber der Kabarettist aus dem Großraum Stuttgart sezierte diese geistigen Hochleistungen auch noch scharfsinnig, kombinierte und dachte weiter. So ergab die Tatsache, dass nach dem Gesetz zwar mit 18 Jahren Bundeskanzler werden kann, strafrechtlich aber erst mit 21 alt Erwachsen gilt, die Frage: „Würde in diesem Fall ein Angriffskrieg nach dem Jugendstrafrecht geahndet?“
In rasendem Tempo, hoch intelligent, unterhaltsam und paragrafensicher manövrierte Koczwara sein begeistertes Publikum durch den verworrenen Dschungel der deutschen Gesetzgebung. Einmal griff er auch zum Gesangsmikrophon, mit einer musikalischen Warnung an junge Menschen, bloß nicht Jura zu studieren, „weil sonst die Mutter weint“. Aber warum eigentlich? Einen Job werden sie wegen der Rechtsanwaltsschwemme wahrscheinlich nicht finden, könnten aber angesichts der mit Stilblüten durchwachsenen Paragrafenmasse im Studium jede Menge Spaß haben.(06.02.04)