Vagantei Ehrhardt
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Blick hinter die Kulissen inklusive 

Vagantei Erhardt lässt mit einem unterhaltsamen „Doctor Faustus“ die Patatsaison ausklingen

Bei „Doctor Faustus“ denken wohl nicht viele an prickelnde Abendunterhaltung. Nur so lässt es sich erklären, dass der Patatkeller am Samstag nicht einmal bis zur Hälfte gefüllt war. Dabei stand mit der Vagantei Erhardt nicht die Aufarbeitung von Goethes Versen auf dem Programm. Vielmehr ein ausgesprochen unterhaltsamer Faustus, an dem sogar jene ihren Spaß hatten, für die der Doktor nicht der erklärte Held ihrer Schulzeit war.
Die Schattentheaterspieler aus Lehrte bei Hannover hielten sich bei ihrer Inszenierung an überlieferte mittelalterliche Vorlagen lange vor Goethes Zeit. Schon damals war die Thematik Inhalt zahlreicher Puppentheaterstücke in ganz Europa. Aber auch Meister Goethe floss mit ein. Die Puppenspieler reimten auf seine Art, ohne jedoch nur eine Zeile wortgetreu zu übernehmen. Die Story selbst ist identisch geblieben. Der wissenschaftlich verklärte Faustus muss gegenüber dem aalglatten Mephisto kapitulieren und fährt mit Blitz und Donner gen Hölle.
Auf der Siegerseite blieb der Hanswurst, bei der Vagantei Erhardt ein derber Mensch aus dem Volk namens Pickelhäring, ein Mainzer mit schwäbisch-pfälzischem Dialekt. Er erklärt dem Teufel, in seinem Fall dem Auerhahn, „dem Rattegiggel“, ganz trocken, dass es mit seiner Seele nichts würde. „Wo nix ist, do hat der Kaiser sein Recht verloren und der Teufel erst Recht“. Er sei als halber Zwilling auf die Welt gekommen und die einzig vorhandene Seele habe der andere Zwilling abbekommen. Faustus Höllenfahrt kommentierte Pickelhäring – inzwischen Nachtwächter zu Mainz - mit „Boah, stinkt des do!“ und setzte zum großen Schlussmonolog an. Bei dieser Kritik an der Wissenschaft kehrte sich Goethes Reimmaß in den einer Mainzer Büttenrede: „Statt sich vernünftig beizuwohnen, vermehren sie sich jetzt mit klonen“.
Von dem ganzen Spiel waren nur Schatten zu sehen, auf einem Halbrund, kaum größer als ein Fernsehbildschirm. Dahinter geschah vorerst Unerklärliches. Die Puppen, die wie Scherenschnitte wirkten, bargen ungeahnte Fähigkeiten in sich: Pickelhäring konnte seine fünf filigranen Fingerchen sogar zur Faust ballen. Ein Spiel von Licht und Farben, fein gezeichnete Traumbilder am Himmel, leuchtende Laternen, zuckende Blitze – ein wahres Farbenspektakel tanzte über diese kleine Bühne.War dieser Faustus auch unterhaltsam – so richtig spannend wurde es nach der Aufführung, als die Puppenspieler Frieder und Ingrid Paasche, Heiko Schulz und Harm Bleckwenn sich hinter die Kulissen schauen ließen. Fasziniert lauschten sich die Zuschauer den Erklärungen zu den liebevoll gearbeiteten Puppen mit der verblüffenden Bewegungstechnik. Dieser Part des Abends nahm fast noch einmal die gleiche Zeit in Anspruch wie die Aufführung selbst.
Mit dieser außergewöhnlichen Theateraufführung vor außergewöhnlich kleinem, aber begeistertem Publikum verabschiedete sich der Kleinkunstverein Patat in die Sommerpause, die neue Spielzeit beginnt Anfang September. (26.06.04)