U-Bahnkontrolloere
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Brillante Stimmen und schräge Klamotten 

„U-Bahnkontrollöre in tiefgefrorenen Frauenkleidern“ sorgen fĂĽr zwei ausverkaufte Abende im Patatkeller  

Musikalisch begann es recht ernsthaft: Fünf Herren intonierten auf der Patatbühne den Schicksalschor „O Fortuna“ aus Carl Orffs Carmina Burana. Weniger ernsthaft: Das skurrile Bühnenoutfit der Herren, Trainingshose, Leggins oder ein Kleidchen aus den Siebzigern. Hinzu kam noch diese Kasperpuppe in der Tracht einer Nonne, welche kräftig den Takt boxte und dabei manchmal auch einen der Sänger traf.
A Cappella-Gesang stand auch dem Programm, mit dem Zusatz Hardcore, der wohl den wesentlich Unterschied zwischen den Urvätern dieses Genres, den „Comedian Harmonists“ und den Musikern des Abends, den „U-Bahn-Kontrollören in tiefgefrorenen Frauenkleidern“, beschreibt. Statt um grüne Kakteen und Wochenenden voller Sonnenschein ging es auch mal um Sado-Maso-Sex und Sodomie, statt getragener Madrigale gab es fetziger Rockversionen und statt bei einem Herrenausstatter scheinen sich die Kontrollöre bei diversen Altkleidersammlungen eingekleidet zu haben. Einzig verbliebene Parallele: Die Stimmen der Kontrollöre erklangen brillant und ohne instrumentale Begleitung, allerdings elektronisch verstärkt.
Die sangen von Wicki, dem kleinen Wikinger, von Michel aus Lönneberga, von Mitsubihis und anderen Autos, von der Pubertät und La Montanara, ein bayrisches Stanzerl ging in einen feurigen Flamenco über – trotz der Almatmosphäre, vom Publikum mit reichlich „Muh“ und Mäh“ in akustisch in Szene gesetzt. Biene Maja flog durch den Saal, eine bezopfte Nena hüpfte über die Bühne und hatte alles „Nur geträumt“. Gilbert Becaud, Monsieur 100.000 Volt kam als Monsieur Neun-Volt-Blockbatterie auf die Bühne und sang von Nathalie – aber deutlich temperamentvoller als das Starkstrom-Original. Hildegard von Bingen und Dieter Bohlen brachten die Kontrollöre in einem Lied unter, allerdings ging es dabei um Yin und Yang oder Trick und Track oder auch Wisch und Weg.
Zu jedem Lied warf sich mindestens einer der fünf Kontrollöre in einen anderen schrägen Fummel, wobei selbst Biergarnitursitzkissen zu Mönchskutten wurden. Ein Topflappen mutierte zum wilden Pferde, dem Publikum wurde - für Michelstadt extra in Zeitlupe - das Jodeln gelehrt, und die Angst vor dem Müll, der möglicherweise von der Straße durch die Kellerfester auf die Bühne gelangen könnte, zog sich als roter Faden durchs Programm.
Seit über zehn Jahren ist Chaos Programm bei den Kontrollören. 1991 stellen Harald Bannoehr, Matthias Keller, Sebastian Rajkovic und Filippo Tiberia im Jugendcafé Oberursel fest, dass ihre Gesangsstimmen hervorragend miteinander harmonieren und ihnen der Spaß an skurrilem Humor gemeinsam ist. Den fünften Mann, Oliver Hartstack, lernten sie kurz darauf beim Trampen kennen und den Namen für die Formation fanden sie auf der Textbeilage einer Langspielplatte. Seitdem touren sie erfolgreich durch die gesamte Republik und das deutschsprachige Ausland. Längst treten sie dabei in größeren Hallen auf. Ins verhältnismäßig kleine Patat kamen sie dennoch, weil sie über Kollegen von der Gastfreundschaft und dem guten Essen erfahren hatten.
Das Publikum der beiden restlos ausverkauften Abende war durchweg begeistert von den fünf chaotischen Frankfurtern mit ihren witzigen und kontrastreichen Gesangsarrangements, schrägen Kostümen, skurrilen Tanzeinlagen und ihrem derben, schwarzen Humor. „Ich kriege nie genug“ hieß das letzte Lied des Programms, womit die Künstler den Gästen damit aus den Herzen sprachen. Statt Bravo-Rufe erklang noch einmal die Almatmosphäre, mit lautem Beifalls-Muhen. (17.04.04)