Philipp Weber
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Ein hochtalentierter Zappelphilipp

 Nachwuchs-Kabarettist Philipp Weber mit temporeichen „Herzattacken“ im Patatkeller

Auf der Bühne steht ein Biomüllsack, daneben ein Stuhl, zwischen dessen Gestänge eine Spinne ihr Netz gewoben hatte – fast ein Sinnbild der Ruhe. Dann betritt Philipp Weber den imaginären Balkon, lässt eine Kippe aus dem Mund in die Tiefe fallen, fragt, ob Ulla schon da sein – und schon war es mit jeglicher Ruhe vorbei. Im Publikum kam schnell der Verdacht auf, der junge Bursche da oben könnte hyperaktiv sein. Wie ein Wilder läuft er über die Bühne, rückt mit dem Stuhl auf ihr herum, ist irgendwie ständig am Zappeln. Dazu berichtet er mit lebhafter Mimik und manchmal leicht schwäbelnd aus seinem Leben, vornehmlich Liebesleben, angefangen von der Kindergartenliebe zu einer Metzgerstochter über diverse Bonnie und Clyde-ähnliche Fluchten, die alle am Stuttgarter Kreuz endeten, bis hin zu Ulla, seiner aktuellen Sexualtherapeutin.
Philipp Weber, 1974 in Miltenberg geboren, legte vergangenen Herbst sein Staatsexamen in Biologie und Chemie in Tübingen ab. Schon während des Studiums stand er auf der Bühne, hatte zahlreiche Erfolge bei Poetry-Wettbewerben, ebenso mit seinem ersten Kabarett-Programm „Herzattacke“. Neben dem Bielefelder Kabarettpreis wurde er 2002 mit dem Passauer Scharfrichterbeil und 2003 mit dem Obernburger Mühlstein ausgezeichnet.
Seine Kindheit verbrachte er in Amorbach, mit einem CSU-Mitgliedausweis statt Geburtsurkunde und mehr Angst vor Renate Schmitt als vor Knecht Ruprecht. Als Kind der Achtziger glaube er nicht an Politik, die in seinem Programm auch nur kleinen Raum einnahm. Die Tabaksteuer verglich er mit der Finanzierung eines Mädchenpensionats mittels eines Bordells und fragte sich, warum bei vier Millionen Depressiven im Land alles teurer wird, was Spaß macht. Und forderte Warnhinweise auf Feinrippunterhosen, wegen Schreikrämpfen und Übelkeit der Partnerin.
Womit er wieder beim Hauptthema war: Es ging um Männer, um Frauen und die sie verbindende Sexualität. Dabei rutschte der junge Kabarettist zwar nie ins Geschmacklose ab, aber es war zu spüren, dass seine Pubertät allzu lange noch nicht her ist. Dem gegenüber stand eine gehörige Portion Selbstironie, reichlich hintergründige Pointen, die für verzögerte Lacher sorgten und manchmal genügte ein Wort, um den Saal zum Toben zu bringen, wie die Berufsbezeichnung von Mitbewohner Dieter, dem Sozialpädagogen. Der in der Generation der Frauenversteher aufgewachsene Nachwuchs-Kabarettist kam trotz seiner Jugend aber auch zu tief greifenden Erkenntnissen in Sachen Beziehungskisten: Mit dem Partner ist es wie mit chronischen Ohrgeräuschen - eine lange Zeit nervt es gewaltig, dann hat man sich dran gewöhnt. Oder als Sprecher seiner Generation: „Wir sind die Zukunft – das ist nicht schön, aber nicht zu ändern!“
Nachdem Ulla den ganzen Abend nicht auftauchte, wollte der im Liebesleben so LeidgeprĂĽfte gar vom Balkon springen, entschied sich dann aber, lieber den MĂĽll hinunter zu bringen. Und das war auch gut so, denn auf diesen hochtalentierten Burschen wartet noch eine groĂźe Karriere auf den KabarettbĂĽhnen. Nur seine Zappeligkeit sollte er in den Griff bekommen, sonst ereilt ihn irgendwann noch sein Programmtitel - eine Herzattacke. (20.03.04)