Kalla Wefel
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Von Pisastudie, Anglizismen und ĂĽberflĂĽssigem Duden 

Der OsnabrĂĽcker Kabarettist Kalla Wefel beschert dem Patatpublikum drei Schulstunden der besonderen Art 

Beim ersten Mal musste er, diesmal kam er freiwillig: Vor zwei Jahren gewann Kalla Wefel den Reinheimer Satirelöwen, verbunden mit einem Auftritt im Patat. Damals vom Odenwälder Publikum stürmisch gefeiert gastierte der Osnabrücker natürlich gerne ein weiteres Mal im Gewölbekeller, nun mit seinem neuen Programm „Klingelt’s endlich?“. Fast drei Stunden lang nahm er kein Blatt vor den Mund und teilte in alle Richtungen aus, ob an Politik, Kirche, Staat oder ganz speziell an die Lehrer. Und das Publikum feierte ihn am Samstag mindestens ebenso stürmisch wie bei seinem ersten Auftritt.
In abgewetzter Lederjacke und mit Schultasche unterm Arm betrat der Kabarettist die Bühne. Diese präsentierte sich als Klassenzimmer: Schultafel, Europakarte – und über allem der weiß-lila Schal des fanatischen VfL Osnabrück- Anhängers. Fußball war allerdings nicht das Thema, sondern die Pisastudie. Um Deutschland von Platz 22 nach vorne zu bringen, erklärte Kalla Wefel den Patatkeller kurzerhand zum Abendgymnasium Michelstadt und unterrichtete – strafversetzt von Osnabrück, wo die glücklichsten Deutschen wohnen, nach Michelstadt, das in Sachen Glück auf Platz 53 rangiert.
Als erstes gab es ein Ständchen für alle Lehrer: „Ich bin Lehrer, hab mein Leben versäumt, alles verträumt…“ erklang nach Ozzy Osborns „Dreamer“ - alle Vorurteile in 16 Zeilen gepackt. Von der Astrologie, der Wissenschaft von den Fußabdrücken, die man beim übers Wasser gehen hinterlässt, ging es zur Biologie und der Frage nach den Lebenserwartungen. Hohes Einkommen und ein befriedigendes Liebesleben erhöhen diese – am ältesten werden katholische Geistliche, dicht gefolgt von den Zahnärzten und weiteren 14 Arztberufen.
In Sachen Geschichte erklärte der Kabarettist, er selbst habe erst durch den Vergleich Bush-Hitler von Hertha Däubler-Gmelin erfahren, wie schrecklich Adolf war. Seine Generation habe das in der Schule nicht gelernt, obwohl sie es aus erster Hand hätte erfahren können. Auch die schrecklichen 11. September kamen zur Sprache: In Chile, in New York – und in Deutschland, als Franz Beckerbauer geboren wurde.
Mathematisch wurde es mit Rechnung, ein einheitliches Verhältnis Ausländer / Neonazis in Ost und West zu erzielen. Mit einem Zuzug von über 24 Millionen Ausländern in den neuen Ländern würde das Verhältnis stimmen. In Erdkunde ging es um Pisa, Frankfurter -, Wiener-, Bock- und Deutschländer Würstchen – und um Osnabrück mit nur 2,8 Prozent Arbeitslosigkeit, drei unabhängigen Zeitungen und unzähligen Märkten. Die deutsche Sprache wurde thematisiert und der Beweis erbracht: Es geht auch ohne Anglizismen. Sogar in der Computersprache, wenn es sich um die Fensterprogramme der Firma Winzigweich handelt. Den Duden will Kalla Wefel allerdings abgeschafft wissen, denn dieser betreibe Wahnsinn mit Methode. Dessen Regeln eine Seite reduziert, die Einführung der Kleinschreibung, Zusammen- und Getrenntschreibung nach Logik und die finnische Kommaregelung – schon stünde Deutschland Pisa-technisch auf Platz eins. Vorausgesetzt, die Medienlandschaft verändert sich und die „Achse des Blöden“, RTL, Pro 7 und Sat 1, bekäme Sendeverbot.
Der 52-Jährige erzählte noch ein wenig – begleitet von Liedern dieser Zeit –  aus seiner eigenen Schulzeit und Jugend: Alle vier Gymnasien OsnabrĂĽcks besucht, ĂĽberall rausgeflogen, Abitur am Abendgymnasium in Hamburg gemacht. Mit zwölf Jahren E-Gitarre geschenkt bekommen, mit 13 in einer Band gespielt, Beat und kurze Röcke interessanter gefunden als groĂźe Koalition – aber immerhin Che Guevara als Vorbild gehabt. Ein persönliches Highlight in seinem Leben: Als 1992 alle OsnabrĂĽcker Schulen jene Sprach- und Lesebuchreihe fĂĽr den Deutschunterricht benutzen mussten, an denen Kalla Wefel als Autor mitarbeitete.
„Es ist wieder Zeit fĂĽr Protestlieder“, erklärte das Multitalent – und sang wie frĂĽher Bob Dylan „Es kommen andere Zeiten“. Ob es bessere werden, vermochte der Kabarettist nicht zu prognostizieren. SchlieĂźlich gibt es im Land 4,5 Millionen Arbeitslose und acht Millionen Sozialhilfeempfänger – und es stelle sich die Frage: „Wann drehen die endlich durch?“ (24.01.04)