Arnulf Rating
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Riesters Rente statt Riester-Rente

Der Kabarettist Arnulf Rating beleuchtet die politische Situation – und hält sogar Lösungen parat
 

„Politik – finden Sie das lustig?“ Diese Eingangsfrage Arnulf Ratings an das Publikum im vollbesetzten Patatgewölbe hatte eher rhetorischen Charakter. Denn schließlich wusste er, „dass man in Michelstadt zum Lachen in den Keller geht“ – und am Freitag speziell wegen ihm und seinem Programm „Alles prima“. Arnulf Rating war in den siebziger und achtziger Jahren einer der „Drei Tornados“, jenem anarchischen Sponti-Ensembles in Berlin, über das es Auftrittsverbote und Prozesse hagelte - und als Solist zählt er längst zu den besten und scharfzüngigsten deutschen Polit-Kabarettisten.
Dabei fände er Politik eher langweilig: Rente, Gesundheit, Arbeitslosigkeit und hin und wieder ein wenig Steuerreform – immer wieder das Selbe. Eine Bestandsaufnahme der politischen Situation gab es dennoch, angefangen mit der Wiedervereinigung: „Erst haben wir die Braut schön getrunken, nun liegt sie uns auf der Tasche“. Und weiter: Schröder und seine Mannschaft haben die Demokratie in eine Geriatrie verwandelt – aber Stoiber und Inkontinenz-Team bieten auch keine Alternative. Ihre Merkelwürdigkeit hat ohne Kopftuch die Türken verunsichert, Saddam, der alte CIA-Agent, ist wieder bei seiner Einheit und Stasi-Stolpe als Kirchenmann noch nicht einmal zu einer Kollekte fähig. In Sachen entgangener Maut wusste Rating eine Lösung: „Bei 4,5 Millionen Arbeitslosen können wir locker 20 davon an jede Autobahnzufahrt stellen, zum Gebühren kassieren.“
Politik kostet Geld, dass sei ähnlich wie beim Waschpulver: Der Inhalt ist billig, aber das Marketing teuer. „Roland Koch so zu fotografieren, dass er gewählt wird, das kostet.“ Statt das Geld dafür weiterhin von den Armen, Kranken, Alten und Rauchern zu nehmen, plädierte Rating für neue staatliche Einnahmequellen: Die Einführung einer Unvermögen- und Schwafelsteuer für Politiker, inklusive einer Stoiber-Stotter-Zulage.
Der Kabarettist im Nadelsteifenanzug und mit Vollglatze über dem geföhnten Langhaarkranz stapelt Pakete auf dem Tisch, schiebt sie hin und her und erklärt so augenscheinlich das Zustandekommen des Reformstaus. Eine Reform hat es ihm besonders angetan: Die Ich-AG. Er selbst lebe sie schon lange, als Scherzartikelproduktionsfirma Rating AG. Probleme bereiten ihm nur die ständigen Diskussionen in ihm zwischen Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Betriebsrat. Oder seine ehemalige Tanzschulenpartnerin, nun erfolgreiche Unternehmensberaterin, die ihm empfahl, statt Politik lieber Quatsch zu machen – aber wo ist da der Unterschied?
Mit Accessoires wie drei Brillen und zwei schlecht sitzenden Frauenperücken schlüpfte Rating mit leicht veränderter Stimme in die verschiedenen Rollen. Für das Publikum erwies es sich manchmal ein wenig schwierig, seinen rasanten Gedankenkapriolen und seiner sprühenden Assoziationsfreude zu folgen. Zum Abschluss malte Rating seinem begeisterten Auditorium die wunderbare Welt in 30 Jahren aus: Die über 75-Jährigen haben die Mehrheit und das Sagen – und am Jauchomat gibt’s Hüftgelenke und neue Zähne zu gewinnen.
Statt Quatsch über Politik zu machen, könnte er ja selbst in die Politik gehen, überlegte der Träger des Deutschen Kleinkunstpreises 2003. Nach nur vier Jahren hätte er ausgesorgt, denn: Die Riester-Rente ist nur was für Idioten – er will Riesters Rente. (27.02.04)