Volker Pispers
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Noch immer oder schon wieder toppaktuell

Volker Pispers lässt im Patatkeller 20 Jahre Programm Revue passieren 

Neulich feierte Volker Pispers 20-jähriges Bühnenjubiläum und seine während dieser Zeit entstandenen 16 Stunden Kabarettprogramm fasste er zusammen. „…bis neulich“ lautet der Titel dieser komprimierten Ansichten zum politischen und gesellschaftlichen Geschehen, die der scharfzüngige Kabarettist dem begeisterten Patatpublikum unterbreitete.
Viele Jahre ist es her, dass Dieter Hildebrands Scheibenwischer-Mitstreiter sich auf der Bühne über Gesundheitsreform, Golfkrieg, Staatsverschuldung und Arbeitslosenzahlen ausließ – aber irgendwie klang alles noch oder schon wieder topaktuell. Es hat sich anscheinend nicht viel geändert, außer dass Telefone keine Kabel mehr haben und das Volk nach 16 Jahren Kabarett gegen Kohl nun Schröder bekommen hat. „Das kleinere oder nur das dünnere Übel?“ Neu hingegen: Die CDU/CSU, die Erfinder des Wahlbetrugs, beschweren sich nun, dass sie erfolgreich kopiert wurden. Dafür weiß nach der Kohl-Ära jedes Kind: „Verbrechen lohnt sich, wenn man in der Partei von Roland Koch ist.“ Diese wiederum wage es, von einem Mangel an Moral der Jugend zu sprechen. Und überhaupt sei es akzeptabler, dass Kurzhaarige den Stadtpark kopftuchfrei halten, als dass Langhaarige Haschisch rauchen.
Die armen Ärzte verhungern schon seit acht Jahren - „das zähe Pack“ - und das ganze Volk jammert auf einem Niveau, um das es über 80 Prozent der Weltbevölkerung beneidet. Allerdings sei noch genug Geld übrig, um Bücher von Dieter Bohlen zu kaufen. Pispers rechnete vor, dass der Aufbau Ost für den westlichen Steuerzahler gar nicht so teuer war, im Vergleich zu subventionierten Landwirten und Bergarbeitern, anderen Stelle man für einen locker vier bis sieben Ossis durchfüttern könne.
Auch auf die neue Zeitrechnung – vor und nach den Anschlägen – ging Pispers ein und erinnerte an den 11. September, allerdings den von 1973. Es war ein Dienstag, als in Chile Allende vom CIA aus dem Amt geputscht und von Henry Kissinger durch den „Menschenrechtsexperten“ Pinochet ersetzt wurde. Kurz darauf traf sich Rumsfeld mit Saddam – amerikanische Außenpolitik habe halt schon immer mehr mit Schürf- als mit Menschenrechten zu tun. Das Intelligenteste in den USA seien die Waffen – die vermeintlichen Massenvernichtungswaffen im Irak allerdings kein Thema mehr.
Im RĂĽckblick kamen die Chaostage in Hannover (wie Karneval am Rhein, nur mehr Polizeieinsatz), Kruzifix- und Haschischurteil (das eine erlaubt, das andere immer noch verboten), das Ozonloch (ein Leben ohne Blauwale und Delphine ist doch in Michelstadt keine  Problem) und natĂĽrlich auch der Berufszweig der Lehrer zur Sprache. „Ein Drittel davon sind Idioten, da diskutier ich gar nicht drĂĽber!“
Es ging Schlag auf Schlag, quer in rasendem Tempo durch die Themen und Zeiten. Pispers, harmlos und freundlich wie ein knuddeliger Teddybär wirkend, sagt ein paar nette Worte und schießt die ironisch bis zynischen Pointen hinterher. Dem Publikum bleibt das Lachen im Hals stecken – und der Kabarettist strahlt von der Bühne herunter, als sei alles nur Spaß. Aber er meint es ernst, bezieht politisch eindeutig Stellung – und auch sein Anti-Amerikanismus ist wahrlich nicht oberflächlich.
Medizin muss bitter schmecken und Kabarett geschmacklos sein – sonst hilft es nichts, erklärte Pispers zu Beginn. Geschmacklos war sein knapp dreistündiges Programm keinen Moment, aber teilweise recht bittere Medizin. Dem Publikum hat es geholfen – zumindest dabei, über all das Übel herzhaft lachen zu können. (23.05.03)