Thomas Reis
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Willkommen im Posthumanismus

Thomas Reis auf Exkursion durch die Unzulänglichkeit des Schöpfers und seiner Ebenbilder

 â€žWir leben in finsteren Zeiten – Humanisten tappen im Dunkeln“. So begann im Michelstädter Patatkeller eine kabarettistische Exkursion durch die Unzulänglichkeit des Schöpfers und seiner Ebenbilder auf Erden, unter dem Titel „So wahr ich Gott helfe“. Im Dunkeln tappte auch der Leiter dieser Exkursion, der Kölner Kabarettist Thomas Reis, die BĂĽhnentreppe herunter, bevor er es, dem Schöpfer gleich und als dessen Helfer, Licht werden lieĂź.
Und schon ging es los mit den Unzulänglichkeiten: „Warum brannte der Busch in Australien? Hat sich Gott im Kontinent geirrt?“, fragte der Teilzeitallmächtige auf 325 Euro-Basis mit Hauptberuf Witzmetz. Ein deutlich spürbarer Anflug von Antiamerikanismus herrschte im Keller, als der „Peace-Comedian mit der totalen Klatsche“, George „War“ Bush, zur Sprache kam. „Das großartigste Volk der Welt waren wir auch schon mal“, erinnerte der Hilfsschöpfer, aber nun verweigere der deutsche Schäferhund der neuen Herrchenrasse den Gehorsam, im Gegensatz zu den Schoßbluthündchen Blair und Faschingsduce Berlesconi.
Aber auch um innenpolitische Ebenbilder Gottes machte sich Thomas Reis seine Gedanken: Guido Westerwelle mit der „oralen Schließmuskelinsuffienz“ verglich er mit einem Glühwürmchen, das als Berufsziel Flutlicht angibt. Das habe Gerhard Schröder schon erreicht – über die Flut kam er ans Licht. Die Grünen seien eine Mischung aus Frieden und Krieg, also Freaks, Stoiber ein Kampfhuhn, dem es nicht reicht, sich keine Gedanken zu machen, sondern das auch noch artikulieren muss. Otto Schilly wurde zur Beugungsform von Schill und zu seinem eigenen V-Mann, die hessische CDU zum organisierten Verbrechen, das Roland Koch gerne auf ganz Deutschland ausdehnen würde, was Pokemon-Angela aber noch verhindere.
Aber nicht nur die große und kleine Politik wurde beleuchtet, sondern auch die weniger Prominten Ebenbilder Gottes: Männer im As-besten Alter, die kein Feuer mehr fangen, aber mit explodierenden Sanierungskosten zu kämpfen haben, die Frau als Negativ-Mysterium des Mannes oder zur Mutter mutiert und die Ehe als Stummfilm ohne Bild. Für Raucher, die es sich nicht abgewöhnen können oder wollen hatte Thomas Reis einen Trost parat: Ein gesunder Geist ruht in einem gesunden Körper – in einem kranken ist er halt wach!
NatĂĽrlich ging es auch um Religion, um Zölibat und kleine Jungs mit Mittelscheitel von den streichelnden Händen des Pastors, um Fronleichnamsprozessionen, die ebenso tuntig seien  wie die Paraden zum Christopher Street Day, und um Gott, der natĂĽrlich Atheist ist, weil auĂźer den Amerikanern niemand an sich selbst glaubt. Mit „Delete Gott – willkommen Posthumanismus!“ endete wenig optimistisch das blasphemische, unglaublich breit gefächerte und topaktuelle Programm eines der geschicktesten Wortakrobaten der Nation.
Seit 30 Jahren macht der knapp Vierzigjährige schon Kabarett, seit 1985 hauptberuflich und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Er jongliert nicht nur unnachahmlich und in verschiedenen Dialekten mit Worten und irrwitzigen Gedanken, er drückt sich mit dem ganze Körper aus. Die Augen rollen, die Brauen und Nasenflügel zappeln und schon nach der ersten Hälfte des Programms war er schweißgebadet. Es erwies sich nicht für jeden im Publikum einfach, seinen Ausführungen zu folgen, eine Pointe jagte die nächste und ein gewisses politisches Grundwissen wurde vorausgesetzt. Auch wenn der Humanismus und der Schöpfer ihr Ende gefunden haben, Thomas Reis kommt wieder. Sein neues Programm stellt die Frage: „Gibt es ein Leben über 40?“. Premiere ist noch dieses Jahr und anschließend wird es auch im Patat zu erleben sein. (28.02.03)