Schiffer/Beckmann
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Von Bubentieren und Erdmännchen

Das Frauenkabarett-Duo Schiffer/Beckmann präsentiert im Patat eine Kinderstunde der besonderen Art

„Früher haben wir mit dem Weitertragen fragwürdiger Herrenwitze unser Geld verdient. Nun nicht mehr. Es macht keinen Sinn, sich damit geistig zu belasten, denn die besten Witze sind die Herren selbst“. So stiegen die Damen Ruth Schiffer und Barbara Beckmann am Samstag im Patat in ihr Programm „Geht spielen“ ein. In dem Moment wusste auch jeder Mann im Saal, was ihn erwartet: Ziemlich respektloses Frauenkabarett.
Aber um Männer ging es ja nicht, sondern um wichtigere Dinge: Um „kleine halslose Ungeheuer“, denn „Kinder haben Unterhaltungswert, ähnlich wie Männer“. Für jeden Quatsch braucht man eine Ausbildung, außer für das Dasein als Außenministern oder Eltern. Selbst für den Angelschein ist der Nachweis des schmerzlosen Tötens zu erbringen, bei Kindern fragt kein Mensch danach. Das Ergebnis: Zehnjährige ertränken ihren Frust im Alkohol und müssen schon auf Medikamentenentzug, bevor sie das Wort fehlerfrei schreiben können.
Späte Vaterfreuden mit dem Kinderwagen als Ersatz für die Gehhilfe thematisierten die Damen Beckmann und Schiffer ebenso wie Prüfungsangst bei Frauen, die sofort auf die Hormone schlägt und sie „rattig“ macht. Deshalb bekommen Frauen genau dann Kinder, wenn sie auch etwas Wichtiges arbeiten könnten. Nicht alle Kinder sind nett, erfuhr das Publikum. Roland Koch zum Beispiel könne sie sich als sympathischen Vierjährigen vorstellen, erklärte Frau Schiffer. Einen umfassenden Einblick in seltsame, typisch männliche Verhaltensweisen wie rituelle Rufe und Kultgesänge sowie zeitgleiches Trinken und Stehpieseln gab es auch, als wissenschaftliche Abhandlung über das „Reich der Bubentiere“.
Es ging um die Erdmännchen, die deutsche Bischofskonferenz, die wegen verdrängter Brutinstinkte gerne über Kinder quasseln, die noch gar nicht da sind und selbst einem Zellhaufen in der Petrischale eine Seele zusprechen. Um Kinder in der dritten Welt, die so höflich sind, wieder zu gehen wenn es nichts zu essen gibt. „Aber warum in die Ferne schweifen, das Elend liegt so nah. Dort sterben sie weg, in Deutschland sterben sie aus – wobei es Schlimmeres gäbe“. Der heiratswütige und dennoch nicht fortpflanzungsfähige Kanzler kam zur Sprache, auch das Stiefkind Klara Köpf, von „das Doris“ jahrelang allein verzogen. Dazwischen gab es immer wieder Gespräche überforderter Mütter mit den fiktiven Kindern Laura und Robert Viktor. Frau Beckmann spielte Klavier und Flügelhorn und zeigte sich als wortgewaltige Verwandlungskünstlerin. Frau Schiffer glänzte nicht minder wortgewaltig mit gesanglichen und mimischen Talenten und verwandelte sich kurzerhand in Loreley auf dem Felsen, inklusive unglücklicher Kindheit.
Die Themen konnten den beiden Kabarettistinnen, die eine aus Köln, die andere aus Düsseldorf, gar nicht brisant genug sein. Ob belgische Wochen im Vergleich zu antiker Kinderpopperei oder der 11. September und Kindern in den Reihen der Selbstmordkandidaten unter religiösen Extremisten – selbst die heikelsten Themen rutschen keinen Moment ins Geschmacklose ab. Knallhart und mit der nötigen Bösartigkeit zeichneten die beiden Rheinländerinnen ein ebenso unterhaltsames wie erschreckendes Bild über die Situation der Kinder in Deutschland und dem Rest der Welt. Gutes Kabarett soll eben nicht nur unterhalten, sondern auch nachdenklich machen. Diesen Spagat bewältigten die Damen Schiffer/Beckmann in ihrer ganz besonderen Kinderstunde mit Bravour. (01.11.03)