Matthias Brodowy
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Nur ein Fehler in der Matrix

Der Kabarettist Matthias Brodowy unternimmt im Patatkeller einen unterhaltsamen Streifzug durch die ernste politische Situation 

Ufos landen in Berlin. Aber keine Außerirdischen sind an Bord, sondern eine Horde verrückter Rinder, angeführt von Klonschaf Dolly. Als Nachhut kommen die Teletubbies und machen alle, die sowieso nicht sonderlich auffallen, unsichtbar. Mittendrin liegt Bodyguard Matthias Brodowy, mit einem Geldbeutel auf dem Kopf vor den feindlichen Strahlungen geschützt, und beobachtet die Szenerie. Bis Hironymus Bosch kommt und erklärt, alles nur gemalt zu haben. Denn eigentlich gibt es uns gar nicht, alles nur ein Programmfehler in der Matrix. Mit dieser mehr oder weniger beruhigenden Nachricht schickte der Kabarettist Matthias Brodowy am Samstag das Patat-Publikum nach über zwei Stunden politischer Aufklärung auf den Heimweg.
Nicht bewege sich mehr in diesem Jahrtausend, klagte der Hannoveraner, Jahrgang 72, in seinem Programm „Ufos über Berlin“ an. Der Kanzler zeige sich als eine Art Major Tom, völlig losgelöst „lost in space“. Ein Gerhard ohne Land mit Landverweser Eichel an seiner Seite sowie der intriganten Elfe Angela und dem Hofnarr Guido als Gegenspieler. Wenn er eine seiner zahlreichen Rücktrittsdrohungen wahr mache, würde es eng. Die Personaldecke in der SPD ist dünn, im Gegensatz zur CDU, wo rund 30 potentielle Kanzlerkandidaten in den Startlöchern sitzen: Ob Roland Koch, die Politikerotik pur, Friedrich Merz, das personifiziert Deutschländer Würstchen oder Edmund Stoiber, der preußischste aller Bajuwaren, der Mensch gewordene Aktenordner. Letzterer wäre besser gleich Kanzler geworden, meinte der Kabarettist – an der ernsten Lage hätte das nichts geändert, aber es gäbe mehr zu lachen.
Außerdem: Ein Volk, das in Sachen Literatur von Grass und Böll auf Bohlen und Effenberg umgeschwenkt ist, habe Steuererhöhungen einfach verdient. „Geiz ist zutiefst ungeil“, korrigierte Brodowy den bekannten Werbeslogan. Jahrelang wurde gespart für schlechte Zeiten, nun sind sie da und es heißt ausgeben. „Kaufen Sie!“, forderte er auf und empfahl S-Klasse mit dem Aufkleber „Eure Armut kotzt mich an“ und T-Aktien.
Auch über den großen Teich ging der politischen Streifzug, zum Taliban des Abendlandes. „Ein Mann, der fast an einer Bretzel erstickt wäre, sollte sich von anderen Dingen zurück halten und das „Dubbelju“ im Namen in Zeiten des Klonens keinesfalls als Aufforderung sehen“. Brodowys Art des Amerika-Boykotts: Zu McDonalds gehen, aber nicht zum Essen, sondern zum Gegenteil, „piss off“ statt „drive in“.
Aber auch Alltägliche Dinge kamen zur Sprache, wie psychologische Lügen in der Partnerschaft auf die Frage „Bin ich zu dick?“, der neue Trend des Fettabsaugens, verbunden mit der Frage „wohin mit dem Sondermüll?“ oder die wirklich wahnsinnig wichtigen Leute, die im www-Medium ihre Wohnzimmertemperaturen der Welt offenbaren.
Zu fast allen Themen hatte Matthias Brodowy auch ein passendes Lied und zeigte sich am Flügel ebenso virtuos wie als Wortakrobat. Zur Diät die Arie von der letzten Praline, zum Generationen verbindenden Jammern den Jammer-Reggea, zur „Ostalgie“ das Lied von „Erichs Lampenladen“, inklusive DDR-Hymne oder für die bedauernswerten Steuerhinterzieher mit schwarzen Koffern den „Tango Corrupti“. Sogar einen Song zur Rettung Deutschlands beim nächsten Grand Prix hatte er parat.
„Ist Lachen in Zeiten der Rezession ĂĽberhaupt erlaubt?“, fragte der Gewinner des Reinheimer Satirelöwen 2002 zu Beginn seines Programms. Diese Frage war dem Publikum eher egal. Es amĂĽsierte sich königlich ĂĽber den ehemaligen Studenten der katholischen Theologie, der mit seinen vielseitigen Talenten, seinem Wortwitz und seine enorme Musikalität zu den groĂźen Hoffnungsträgern des deutschen Kabaretts gehört. (21.06.03)