Martin Buchholz
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Das deutsche Wesen lumpelt im Irgendwo

Der Berliner Kabarettist Martin Buchholz gibt Nachhilfe in Sachen Weltanschauung 

 â€žWas Bullrich-Salz fĂĽr die Verdauung, ist Buchholz fĂĽr die Weltanschauung“. Mit diesen Worten schickte der Berliner Kabarettist Martin Buchholz am Freitag sein Publikum im Patatkeller wieder hinaus in die raue Welt der Realsatire. Davor lagen jedoch zwei Stunden verbale BocksprĂĽnge durch das Zeitgeschehen. „Mach’s mir noch einmal, WĂĽstling!“ lautete sein Zusammenschnitt aus 20 Jahren KabarettbĂĽhne und immerhin siebzehn Programmen – aber aufgewärmt klang das Dargebotene keinen Moment.
Als politischer Kabarettist kam Buchholz natürlich am Irak-Krieg nicht vorbei. Noch seien keine Massenvernichtungswaffen gefunden worden – aber das sei wie Ostern: Erst muss mal was versteckt werden. „Die Deutschen haben das Bush-Konzept schon vor Jahren verwirklicht und vorsichtshalber mal zurück geschossen“, so der Satiriker, „das hätte Rumsfeld bestimmt gefallen“. Gegen den Däubler-Gmelin-Aussage verwehrte er sich jedoch: Man könne den größten Führer aller Zeiten doch nicht mit einem texanischen Dorfdeppen vergleichen.
Nicht minder bissig bekam die aktuelle deutsche Politik ihr Fett ab: Aus dem Nichtwähler wurde der Nichts-Wähler, der die Wahl hat zwischen Nichts und wieder Nichts. Die Grünen verkaufen sich als kleineres Übel, Trost für später vermittle die FDP am Beispiel Möllemann: Es gibt ein Leben nach dem Hirntod. Stoiber alzheimert vor sich hin, weil ihm keiner sagt, dass er die Wahl nicht gewonnen hat und Angela Merkel fand ihr Glück im Dickdarm des amerikanischen Präsidenten. Den hessischen Ministerpräsidenten bezeichnete Buchholz als veritablen Kotzbrocken, distanzierte sich aber aus juristischen Gründen von seiner eigenen Meinung.
Den Abgang Scharpings sah er als ökonomische Katastrophe – hat er doch auf der Bühne von ihm gelebt. Grundsätzlich: Die CDU hat es schwer, Opposition zu betreiben, denn dazu brauche es eine Position. Und der Kanzler – die einzig funktionierende Ich-AG in diesem Land - wechselt ständig die Windrichtungen. Nun lebe das deutsche Volk – dank der Gewerkschaftsdiktatur – an der Armutsgrenze, sogar in Bangladesh würde schon gesammelt. Aber die Politiker nehmen Demokratie für bare Münze, oder lieber noch Scheine – so ein Politiker muss ja schließlich auch mal was einstecken können. Auf der Suche nach seiner nationalen Identität, wurde Buchholz, nachdem er bei Heidegger nicht weiterkam, bei Pu, dem Bären fündig: Das deutsche Wesen lumpelt im Irgendwo herum.
Er hat es zweifellos gefunden, das deutsche Wesen. Analysierte es treffsicher mit scharfem Verstand, verpackte es meisterhaft in bissige bis bösartige Ironie – und feuert es pointenreich als rhetorische Salven auf die dafür dankbaren deutschen Wesen in seinem Publikum.
Martin Buchholz, Jahrgang 1942, arbeitet 20 Jahre als Journalist für verschiedene, überwiegend linke Zeitungen, bevor er auf die Kabarettbühne wechselte. Er war „Frontbelustiger bei der stricknadelklappernden Wimmergemeinschaft der Friedensbewegung“ und seine Hausbühne ist die der „Wühlmäuse“ in Berlin. Er heimste mehrere Kleinkunstpreise ein und veröffentlichte einige satirische Bücher. Im Fernsehen ist er nicht so oft zu sehen, „weil er sich so ungern kastrieren lässt“. Es wäre auch Frevel, diesen rhetorischen Teufelsbraten und Verführer der Minderdenkenden zu reglementieren. Denn wem seine oft recht zynische Art der Weltanschauung tatsächlich Magendruck und Sodbrennen bereitet, kann ja schließlich zu Bullrich-Salz greifen. (02.05.03)