Jo van Nelsen
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Vom Ăśberbrettl bis zur Comedy 

Am Tag des deutschen Kabaretts boten Jo van Nelsen und Sabine Fischmann im Patatkeller eine faszinierende Zeitreise durch 100 Jahre musikalische Satire 

Schon drei Mal begeisterte Jo van Nelsen das Patatpublikum mit seinen Chansons. Sein vierter Auftritt im Gewölbekeller krönte diese Serie gleich in doppelter Hinsicht. Mit â€žWir richten scharf und herzlich“ fĂĽhrte er sein Publikum auf einer faszinierenden, musikalischen Zeitreise durch hundert Jahre Kabarett. Zum anderen es war seine Partnerin. Sabine Fischmann begleitete ihn am FlĂĽgel, ergänzte ihn gesanglich ebenso harmonisch wie kontrastreich und spielte ihn mit Temperament, Ausdrucksstärke und umwerfender Komik einige Mal fast an die Wand.
Im Jahr 2001 feierte das deutsche Kabarett seinen hundertsten Geburtstag, fĂĽr Jo van Nelsen Anlass, seine umfangreiche Sammlung an Chansontexten samt Kabarettgeschichte in ein Buch zu fassen und als Programm auf die BĂĽhne zu bringen. Es begann 1900 bei der Weltausstellung in Paris, als Deutsche zum ersten Mal Cabarets mit ihren sozialkritischen und frivolen Darbietungen kennen lernten. Davon ausgesprochen angetan grĂĽndete Ernst von Wolzogen  am 18. Januar 1901 in Berlin das „Überbrettl“ – das deutsche Kabarett war geboren. Es folgte eine Flut von KabarettgrĂĽndungen, mit den „Elf Scharfrichtern“ aus der Schwabinger Szene in MĂĽnchen wurde es auch politisch.
Allerdings war das Deutsche Kaiserreich nicht Paris. Es regierte die Zensur und schon das Wort Popo galt als sittenwidrig und konnte ebenso wie Majestätsbeleidigung zu Festungshaft führen. Großen Namen dieser Zeit waren Otto Reutter, Frank Wedekind oder Julius Freund, an die das Künstlerduo mit Chansons wie „Berlin ist ja so groß“, „Der Tantenmörder“ oder „Donnerwetter, tadellos“ erinnerten.
Im ersten Weltkrieg gab sich das Kabarett erst patriotisch, nach der Schlacht von Verdun 1916 jedoch pazifistisch. In Zürich in der neutralen Schweiz gründete sich das Kabarett Voltaire, die Dadaisten hatten ihre große Zeit. Sprache wurde auf reine Laute reduziert, von Sabine Fischmann hervorragend interpretiert, aber naturgemäß von niemandem verstanden. Bert Brecht kam nach Berlin, ebenso Joachim Ringelnatz, der sich seine Gage in Alkohol auszahlen ließ. Walter Mehring zählte zu den Großen, ebenso Marcellus Schiffer, von dem Jo van Nelsen und Sabine Fischmann „Maskulinum – Femininum“ darboten, eine Anspielung auf die in den Salons der zwanziger Jahre so angesagte Bisexualität.
Die Nazis kamen und mit ihnen Zensur und Bücherverbrennung. Das deutsche Kabarett ging in die Knie, wurde für zwölf Jahre mittelmäßig. Nur politisch unbedenkliche Künstler durften auftreten, die Guten, wie Friedrich Holländer, emigrierten. Mit der „Hymne auf die Gleichschaltung“ von Weiß Ferdl, dem Lieblingskabarettisten Adolf Hitlers, erinnerte Jo van Nelsen leicht angewidert an diese Zeit. Auch Gründervater Ernst von Wolzogen sympathisierte mit den Nazis.
GefĂĽhlvoll und anrĂĽhrend sang Sabine Fischmann das Lied „Ein Koffer spricht“ von Ilse Weber. Es entstand in Theresienstadt, dem Vorzeigeghetto der Nazis. Rund zwanzig Lieder sind aus dieser Zeit ĂĽberliefert, fĂĽr Jo van Nelsen ein ebenso trauriges wie interessantes Kapitel Kabarettgeschichte.
Nach dem Krieg erlebte das deutsche Kabarett eine weitere Glanzzeit. In Berlin formierten sich „Die Insulaner“, in DĂĽsseldorf grĂĽndeten Kay und  Lore Lorenz das „Kommödchen“, in Frankfurt öffnete „Die Schmiere“. Auch das Kabarett der ehemaligen DDR beleuchtete Jo van Nelsen, am Beispiel PfeffermĂĽhle Leipzig. Wie schon bei Göbbels war auch bei Ulbricht nur positive Satire erwĂĽnscht, ein Loblied auf die LPG veranschaulichte dies.
Die Sechziger waren schlechte Jahre fĂĽr das musikalische Kabarett. Chansons von Helen Vita oder Hanne Wieder waren fast nur noch auf Herrenschallplatten mit schlĂĽpfrigen Texten zu hören, wurden preisgekrönt und gleichzeitig vom Staatsanwalt verboten. Dann kam mit Reinhard Mey, Konstantin Wecker oder Wolf Biermann die Zeit der Liedermacher, nur Hildegard Knef „ehrenrettete“ den Chanson, im Programm vertreten mit „Der Fragebogen“. Mit  „Die Freiheit kam“, einem deutsch-deutschen Chanson aus dem Jahr 1989, endete das Programm, die Jetztzeit gab es als Zugabe. Mit „ComedyComedyComedy“ von Thomas Pigor hatte Sabine Fischmann ein weiteren grandiosen Soloauftritt, Jo van Nelsen gab dem Publikum den Exhibitionisten von Friedhelm Kändler mit auf den Heimweg.
„Hier her zu kommen ist immer wieder wie nach Hause kommen“ erklärte Jo van Nelsen dem stürmisch applaudierenden Publikum, und besonders klasse finde ich das mit dem Enkel“.
Damit meinte er den ersten Enkel des Patat-Vorsitzenden Dr. Lothar Mertens, der passender Weise am Samstag, dem Tag des deutschen Kabaretts, das Licht der Welt erblickte. (18.01.03)