Ingo Boerchers
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Die Ramona LeiĂź des Kabaretts

Der Bielefelder Ingo Börchers feiert mit seinem dritten Soloprogramm „Das Blaue vom Himmel“ in Michelstadt gelungene Premiere und erklärt dem Publikum die Welt

Ist die Wirklichkeit Realität oder nur was fĂĽr Leute, die mit Drogen nicht zu Recht kommen? Ist Stoiber schon Kanzler und sieht nur aus wie Schröder? Wie viel Gegenwart pro Augenblick verträgt ein Mensch? Mit diesen  Fragen stimmte der Bielefelder Kabarettist Ingo Börchers  bei der Premiere seines dritten Soloprogramms „Das Blaue von Himmel“ das Publikum im vollbesetzten Michelstädter Patat-Keller auf seine ganz spezielle Erklärung der Welt ein.
Dabei benutzte er die Sichtweisen seiner ehemaligen Intensivsozialpartnerin Katharina, die mit ihrem Denken in der „typischen Frauenwelt des Konjunktivs“ lebt. Dem gegenüber stellte er die Fakten der Naturwissenschaft. Anleihe dafür nahm er bei seinem Freund Jonas, dem Diplom-Physiker, Newton, Einstein und Knoff-hoff-Show-Moderator Joachim Bublath samt Ramona Leiß, „der Verona der Wissenschaft und Königin der Welterklärung“.
Börchers erläuterte verwirrende Zeitphänomene, wie Sekundenkleber, der ewig hält, während Monatsbinden schon nach wenigen Stunden ihre Daseinsberichtigung verwirkt haben. In einer Analogie Erde-Mensch verglich er Hochwasser mit Bluthochdruck, Bevölkerungsexplosion mit Bakterienkolonien, Treibhauseffekt mit Fieber – offen blieb die Frage: Ist das noch Wetter oder schon Weltuntergang? Autofahren sorgt für Waldsterben, Alkohol macht lustig – in welchen kausalen Zusammenhang stehen dazu die vielen betrunkenen Autofahrer, fragte er mit weit aufgerissenen Augen?
Nicht mehr das Erreichte zählt, sondern das Erzählte reicht, nicht mehr das Programm ist wichtig, sondern die richtige Performance, erläuterte der schmächtige Endzwanziger den derzeitigen Stand der Politik. Tröstliches für den Finanzminister fand er bei Charles Darwin: Mangel sorgt für Artenreichtum.
„Alterskriminalität ist ein Wort, das Sie sich merken sollten“ warnte der Kabarettist das Publikum und malte die wortreich aus, wie es sein wird, wenn die Achtundsechziger ins Pflegealter kommen: Renitente, zahnlose Linke, die sich zur RAF, der Rentner Aufruhr Fraktion formieren und gemeinsam „Ho, Ho, Hose voll!“ skandieren.
Ob die Erde nun blauer Planet heißt, weil das Chaos und die Planlosigkeit auf ihr nur betrunken zu ertragen sind, ob das Klonen von Menschen die drei Geißeln der Menschheit – Gott, Mann und Tod – abschafft und warum in Deutschland mehr Baseballschläger verkauft werden als es Spieler gibt – die Wahrheit ist stets elastisch. Gentechniker haben die DNA, „die Betriebsanleitung für Menschen“, zwar entschlüsselt, aber dennoch „sind wir nicht mehr als glitzernder Tand auf dem Christbaum der Evolution“. Kinder, wie die Welt vergeht - wir werden schon beobachtet, wie damals die Dinos – so die Befürchtung der selbsternannten Ramona Leiß des Kabaretts.
Alles in allem eine absolut gelungene und vom Publikum stürmisch gefeierte Premiere, mit kleinen Schwächen und großen Stärken. Rhetorisch meisterhaft jonglierte Ingo Börchers mit dem Wahnsinn der Welt, teilweise so intelligent verwoben, dass es eine Weile dauerte, bis es in den Hirnwindungen seines Auditoriums ankam. Einige recht platte Kalauer verzieh man ihm wohlwollend. Der Gewinner des Reinheimer Satirelöwen 2000 ist noch jung und zählt zu den vielversprechendsten Nachwuchstalenten der Republik. Mit der Reife kommt auch die Bissigkeit – und dann muss Ingo Börchers gewiss nicht mehr nach dem physikalischen Hintergrund forschen, warum das Publikum den Weg zu Bruno Jonas und Dieter Hildebrand statt zu ihm gefunden hat. (17.01.03)