Finkenbach 2002
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Finkenbach-Festival ist wieder nach Hause gekommen

Eines der schönsten Happenings - ganz ohne Regen - auf neuem alten Gelände 

Es war ein befremdlicher Anblick: Es ist Festival in Finkenbach und im Dorf herrscht Ruhe. Die sonst von einem bunten Völkchen belagerten Straßen und Plätze sind leer, nur einige parkende Autos sind zu sehen. Tausend Meter weiter allerdings, fast am Ortsausgang, ändert sich dies: Kunterbunte Hippiestände, Hunderte von Zelten und das gewohnte bunte Völkchen – so weit das Auge reicht.
Das legendäre Finkenbachfestival ist umgezogen, zurĂĽck an den Platz, wo es zwischen 1976 und 1982 seine BerĂĽhmtheit erlangte und am Ende ĂĽber 10.000 Besucher anlockte. Damals fĂĽhrte dieser Massendrang zum Aus des Festivals, das Dorf drohte aus den Nähten zu platzen. Allzu viel weniger Gäste waren es dieses Jahr wohl nicht. Aber der nun im dritten Jahr tätige Sicherheitsdienst sorgte fĂĽr einen reibungslosen Ablauf und koordinierte das Parken und Zelten, so dass jegliches Chaos ausblieb und auch noch einige Gäste mehr Platz gefunden hätten. Zum Beispiel jene, die es vorzogen, wieder nach Hause zu fahren, statt das geforderte Eintrittsgeld zu bezahlen. 
Wer allerdings einsah, dass eine derartige Veranstaltung nun mal Geld kostet, erlebte das schönste Finkenbachfestival seit Jahren. Das Wetter spielte mit, der Freitag war ab Mittag trocken und warm, Samstag und Sonntag strahlte die Sonne vom Himmel. Die gesamte Festivalfamilie war auf einer großen Wiese untergebracht, und die alte, familiäre Atmosphäre von früher war wieder da. Nicht auf entlegenen Campingplätzen, sondern mitten im Geschehen wurde im Wok gekocht, gespielt, jongliert, Feuer gespuckt, getrommelt oder am Lagerfeuer gesessen. 150 kleine Feuerstellen hatte ein Gast gezählt – und von diesen stammte auch weitestgehend der Rauch, der über den Zelten aufstieg.
Die Umstrukturierung des Festivals bescherte zudem der Musikveranstaltung selbst mehr Publikum. Den Anfang machten am Freitag “Marple Sheep”, eine junge japanische Gruppe aus Tokio, mit Psychedelic-Music, die stark in Richtung Punk abging. Der eigentliche, traditionelle Freitag-Top-Act, die Lokal-Matadoren Guru Guru spielten dieses Jahr bereits als Zweite und boten ihre gesamte Palette von dem neueren Moshi Moshi bis hin zum Uralt-Elektrolurch. Danach hatten es “Birth Control”, nach einer sehr langen Umbaupause, schwer, die Massen zu begeistern. Von der Urformation der Endsechziger ist nur noch der Rock-Dinosaurier Nossi am Schlagzeug übrig geblieben. Sie spulten ihr Programm sauber ab, darunter natürlich auch ihr Hit, das 20 Minuten lange “Gamma Ray”. Zum Abschluss des Freitags gab es Gecovertes der besonderen Art. Die Fun-Truppe “Space Hobos” verrockten auf witzige, fast kabarettistische Art Filmmusiken wie “Bonanza” oder “Flipper” – oder Beethovens Fünfte.
Die musikalische Überraschung des Festivals stand am Samstag als Opener auf der Bühne und sorgte für eine Stimmung, die so früh noch nie zu erleben war. “Dr. Woogle an the Radio” heißt die achtköpfige Truppe mit dreistimmigem Bläsersatz und stammt aus Weinheim. Sie boten eine fulminante Reggae-Show mit Roots-Ragga aus den Anfängen dieses Genres in Jamaica bis hin zum schnelle Ska, der in den Achtzigern auch in Europa den Kick gab. In ähnlichem Rhythmus ging es mit “Wally Warning” weiter, Roots Ragga im Mix mit Funk und Latin. Rockig wurde es mit der “Hamburg Blues Band” und Mike Harrison von den “Spooky Tooth” als Frontmann. Zum Abschluss kam Electronic ins Spiel, mit “Lover 303” einem Projekt von Oberguru Mani Neumeier und Cony Mali.
Bis vier Uhr morgens rockte das Tal, im Dorf selbst herrschte Ruhe. Die Helfer des Roten Kreuzes behandelten die üblichen kleinen Verletzungen und Unpässlichkeiten – wie jedes Jahr. Die Polizei absolvierte ihre seit zwei Jahren üblichen Kontrollen in Zivil und im Vorfeld nicht mehr so massiv. Zufriedener als sonst zeigten sich die Veranstalter, die örtlichen Vereine mit dem Fussballclub an der Spitze. Alles war besser organisiert und überschaubarer - und der Müll musste nur auf der Wiese und nicht im gesamten Dorf aufgesammelt werden. Glücklicher und zufriedener zeigte sich auch die Gäste, die Stimmung im Tal war hervorragend – das Finkenbachfestival ist nach genau 20 Jahren wieder nach Hause gekommen.

Soweit der offizielle Pressebericht - kurz gesagt: Es war superschön, absolut friedlich und entspannt, Finkenbach eben!

Und was meint die Polizei dazu? Hier der offizielle Bericht:

Finkenbach / Polizeiliche Kontrollen am Wochenende (veröffentlicht Montag um 15:52 h)
Am vergangenen Wochenende wurde schwerpunktmäßig der Abreiseverkehr vom Finkenbacher Guru-Guru-Festival auf Alkohol und Drogen am Steuer kontrolliert. Die Abfahrtskontrollen erfolgten am 28.7.02 tagsüber stationär und mobil mit wechselnden Kontrollorten. Inclusive der Anfahrtskontrollen vom 25. Und 26.7.02 wurden 131 Pkws bzw. 277 Personen einer Kontrolle unterzogen. Dies führte zu 6 beschlagnahmten Führerscheinen wegen Verdacht des Fahrens unter Alkoholeinfluss. In 50 Fällen ergaben die 113 durchgeführten Urinproben Verdacht auf Drogeneinfluss bei den Fahrern. Insgesamt wurden 53 Strafverfahren wegen Fahren unter Alkohol/Drogeneinfluss eingeleitet(rechnerisch richtig da in drei Fällen Überschneidung Alkohol bzw. Drogenverdacht). Insgesamt wurden 45 Gramm Drogen, Eigenverbrauchsmengen von Marihuana, Haschisch, Speed, Heroin, Kokain und Pilzen und 5 Joints sichergestellt. Trotz Vorankündigung der Kontrollen aus präventiven Gründen und eines Besucherrückganges eine stattliche Zahl von Verdachtsfällen.

Anmerkung Odins: 45 Gramm sind schon eine stolze Menge, vor allem die fünf Joints fallen schwer ins Gewicht. Da bleibt so einem alten Germanen nur Kopfschütteln und in Urlaub fahren. In ein Land, wo die Polizei zwar Besoffene rigoros aus dem Verkehr zieht, aber kleine Kiffer nicht zu Jagdwild erklärt hat, da eine offizielle Studie schon vor Jahren deren relative Gefahrlosigkeit im Verkehr erkannte. So als kleinen Vergleich hier noch der Polizeibericht zum Wiesenmarkt, wo ebenfalls reichlich Drogenmissbrauch betrieben wird. Aber Saufen ist im Odinwald nun mal Kultur!

Erbach / positive Wiesenmarktbilanz (veröffentlicht Montag um 15:54 h)
Aus polizeilicher Sicht sehr friedlicher Verlauf. Am vergangenen Wochenende wurden zwei Körperverletzungen gemeldet, am 28.7.02, gg. 02.00 h, eine Auseinandersetzung zwischen drei Männern und eine offenbar angehende Schlägerei, die im Keime durch Polizeierscheinen erstickt wurde. Diese beiden Meldungen und ein in der Hitze des Wagens eingesperrter Hund (28.7.02, gg.19.00 h) auf einem Parkplatz, geringfügige Sachbeschädigungen, insgesamt ca. 8 Diebstahlsmeldungen von Geldbörsen oder Handtaschen etc. sind in Anbetracht der Größe des Wiesenmarktes kein negatives Zeichen. Alkohol am Steuer wurde im Laufe der Wiesenmarktswoche bei 4 Pkw -Fahrern durch Kontrollen festgestellt. Das bedeutet statistisch keine besondere Erhöhung, es liegt vielmehr in der normalen Quote. Vorankündigungen von Alkoholkontrollen mögen hierbei präventiv wirken.

Tja, besoffen prügelt es nun mal sich ganz friedlich - und öfter, als es die Polizei mitbekommen hat.