Kelterei Kraemer
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Das hessische Nationalgetränk vereint

Eine bewährte Kooperation zwischen Frankfurter Apfelweinspezialisten und einer kleinen zukunftsorientierte Odenwälder Kelterei 

„Bei uns steht die Wiege der hessischen Apfelweinkultur“, behaupten die Frankfurter. „Wir haben schon lange vorher gekeltert“, entgegnen die Odenwälder. Recht haben beide. In der Mainmetropole begann der Siegeszug des Apfelweins Anfang des 16. Jahrhunderts, als die Reblaus den Weinanbau rund um Frankfurt komplett zunichte machte. Statt Reben wurden Apfelbäume angepflanzt und der Wein aus Äpfeln wurde zum Hauptgetränk. Zu diesem Zeitpunkt wurde im Odenwald tatsächlich schon gekeltert, fast jeder Landwirt hatte damals seinen eigenen Apfelwein im Keller. Inzwischen ist längst zusammen gewachsen, was zusammen gehört, wie das Beispiel der Beerfurther Kelterei Krämer belegt.
Schon seit über 30 Jahren arbeitet die relative kleine Kelterei im Odenwald, 1928 gegründet, mit der knapp 50 Jahre älteren größten Kelterei Frankfurts zusammen. Überschüssiges Obst, das in Beerfurth nicht verarbeitet werden kann, geht direkt nach Frankfurt-Rödelheim. Durch diese gute Zusammenarbeit ergaben sich für die Familie Krämer weitere Kontakte und die Odenwälder Kelterei liefert inzwischen auch ins Zentrum des Apfelweins, nach Sachsenhausen. „Dort gibt es noch viele alte Kelterer, die Einiges über die traditionelle Apfelweinherstellung erzählen können“, schwärmt Junior Stefan Krämer.
Aber auch Probleme gibt es dort. Den Wirten fehlt der Nachwuchs, das Anliefern von Obst in den engen Gassen ist schwierig, die Keltern im Keller gestaltet sich als Kraftakt und auch die Obstbäume rund um Frankfurt haben sich stark reduziert. Da greift der eine oder andere Frankfurter Wirt gerne auf fertigen Apfelwein aus dem Odenwald zurück. Aber auch die dadurch entstandene Konkurrenzsituation zwischen dem Frankfurter Großkelterer und dem kleinen Kollegen in Beerfurth hat an dem harmonischen Verhältnis untereinander und der gegenseitigen Akzeptanz nichts geändert.
Mit dem Begriff „klein“ hat der Laie angesichts der modernen Anlage der Familie Krämer seine Schwierigkeiten. Vor zwei Jahren wurde komplett erneuert, wenige hundert Meter vom Stammsitz entfernt neu gebaut. Dort befinden sich Silos für 180 Tonnen Äpfel, eine Fahrzeugwaage und ein Förderband – was die Anlieferung erheblich beschleunigt. Aus den Silos werden die Äpfel mit Wasser ausgespült, auf einem Band faule Exemplare von Hand aussortiert, der Rest läuft weiter, wird zu Maische gemahlen und von einer riesigen Maschine ausgepresst. Der Saft wird bei Bedarf erhitzt und bis zur Weiterverarbeitung oder Abfüllung in 54.000 Liter fassenden Edelstahltanks gelagert. Eine Millionen Liter Lagerkapazität stehen im Neubau zur Verfügung, im Altbau weitere 600.000 Liter.
Zukunftsorientiert investieren ist wichtig für die Familie Krämer und auf die Feststellung, dass dieses Jahr 75-jähriges Firmenjubiläum ist, meinen Vater Reinhard und Sohn Stefan nur „Ach, tatsächlich?“. Aber einen kleinen Blick zurück erlauben sie dennoch. Reinhard Krämers Vater Peter gründete den Betrieb gemeinsam mit seinem Vetter Philipp Ripper. Unterstützt wurden die beiden damals 17-Jährigen von Peter Krämers Vater Leonhard. Apfelsaft stellten sie her, denn Apfelwein machten die Bauern immer noch selbst. Dann kam der Krieg, aus dem beide nicht zurückkehrten. Der Opa und die Frauen arbeiteten weiter, aber der Aufschwung kam erst 1967, als Reinhard Krämer und seine Frau Gertrud die Firma übernahm. Wieder fing es mit Säften an, aber schnell kam der Apfelwein hinzu. Der erlebte Anfang der Siebziger einen Boom und machte rund Zweidrittel der Produktion aus.
1996 kam Sohn Stefan in den Betrieb zurück, nach seiner Ausbildung zum Süßmoster oder zur Fachkraft für Fruchtsafttechnik, wie die offizielle Berufsbezeichnung lautet. Die Technik musste er erlernen, die Liebe zum Apfelwein scheint dem 27-Jährigen aber in die Wiege gelegt. „Schon als kleines Kind war er nur schwer von der Kelter wegzubekommen“, erinnert sich sein Vater. Auch wenn die Maschinen inzwischen hervorragend alleine arbeiten, länger als eine Stunde hält es der Junior nicht aus. Dann muss er schauen, ob alles in Ordnung ist. Auf dem Weg dorthin hebt er einen liegen gebliebenen Apfel auf, befindet ihn für gut und legt ihn zu den anderen aufs Band. Denn schließlich ist das Beste, was ein Apfel werden kann – ob in Frankfurt oder im Odenwald - nun mal Apfelwein, das hessische Nationalgetränk.

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Im Jahr 2003: Wenig Obst, aber wachsende Nachfrage 

„Es war ein schwieriges Jahr für unsere Branche“, erklärt Stefan Krämer, Juniorchef der gleichnamigen Beerfurther Kelterei. Zur Blütezeit im Frühling gab es reichlich Frost und der heiße, trockene Sommer erbrachte Äpfel, die schnell faulen. Hinzu kam, dass es im September noch recht warm war. Für das Keltern absolut ungünstig, denn der Most fing schnell an zu gären.
Das letzte gute Apfeljahr mit einer wahren Jahrhunderternte war das Jahr 2000, gefolgt von drei mittleren bis schwachen Jahren. Ăśblicherweise wird in Beerfurth nur Obst aus dem Odenwald gekeltert, angeliefert von Landwirten oder Privatpersonen. Dieses Jahr musste Streuobst aus Baden-WĂĽrttemberg dazu gekauft werden.
Parallel dazu wuchs der Absatz an Apfelwein, zumindest bei der Kelterei Krämer. Dieses Jahr ging es hart an die Grenze, die Reserve vom Vorjahr war annähernd aufgebraucht. Das entspricht zwar nicht dem allgemeinen Trend, viele Keltereien klagen, nicht so die Krämers. Der Apfelwein macht derzeit – mit steigender Tendenz - rund ein Drittel ihres Geschäftes aus, zwei Drittel der Produktion verlässt alkoholfrei als Fruchtsaft den Betrieb. Verkeltert werden im Durchschnitt pro Jahr knapp dreitausend Tonnen Obst. Der Apfelwein kommt, „wie es sein muss“, im Herbst ins Fass. Durch Säureabbau verändert er sich ein wenig und schmeckt Anfang des Folgejahres am besten.
Verkauft werden die Produkte direkt ab Kelterei, aber gehen auch über Getränkevertriebe ins hessische Umland bis hinauf ins Rhein-Main-Gebiet. Auch in verschiedenen großen Getränkemärkten sind die Säfte und der Apfelwein erhältlich. Die Kelterei Krämer ist ein reiner Familienbetrieb. „Die Eltern und ich arbeiten mindestens so viel wie vier Angestellte“, erklärt der Junior. Unterstützung kommt von zwei fest angestellten Mitarbeitern und während der Saison von zahlreichen Aushilfen, ob Schüler oder Rentner aus dem Ort. „Die geringen Personalkosten verschaffen uns Kapazität für Investitionen“, so der Senior und der Junior erklärt die geplante Vergrößerung des Tanklagers.
Obwohl es im Odenwald neben der Kelterei Krämer noch einige Betrieb in ähnlicher Größenordnung gibt, kann nicht alles anfallende Obst in der Region verkeltert werden. In guten Jahren werden rund zehntausend Tonnen Äpfel vom Odenwald in die Mainmetropole transportiert.